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Sammlung Das hochmittelalterliche Europa war fasziniert von Byzanz und dem Orient

Bei der klerikalen und weltlichen Obrigkeit des hochmittelalterlichen Europa galten farbenprächtige Seiden als kostbare Statussymbole. Da bis ins 13. Jahrhundert keine westliche Werkstatt solche Stoffe herstellen konnte, wurden sie aus Byzanz, dem Orient oder aus dem islamischen Spanien importiert. Viele dieser seltenen Luxusgewebe haben sich im Zusammenhang mit dem christlichen Reliquienkult erhalten. Die Abegg-Stiftung besitzt eine bedeutende Sammlung derartiger früher Seidenstoffe.

Vitaliskasel

Die Kasel stammt aus der Benediktinerabtei St. Peter in Salzburg, wo sie als Messgewand des heiligen Bischofs Vitalis verehrt worden war. Der grüne Seidenstoff zeigt ein Muster aus kreisrunden Medaillons, die mit Greifen- und Pantherpaaren gefüllt sind. Die Goldborten an Halsausschnitt und Mittelnaht sind mit Steinschmuck und Perlen verziert. Ihre kunstvolle Technik und die ferne Herkunft liessen östliche Seidenstoffe im Westen zu hochgeschätzten Kostbarkeiten werden, die ihren Trägern Würde, Rang und Ansehen verliehen. | Byzanz oder Vorderer Orient, 1. Hälfte 11. Jahrhundert, Seidengewebe (Samit), Brettchengewebe, Perlen, Steinschmuck, H. 152,5 cm, Inv. Nr. 232

Schale mit Falkner

Lüsterkeramiken mit figürlichen Szenen gehören zu den aussergewöhnlichsten Schöpfungen der ägyptischen Kunst unter der Dynastie der Fatimiden (969–1171). Für die Lüsterbemalung wurden Farben mit Silber- und Kupferanteilen verwandt, die das Gefäss mit einer dünnen, glänzenden Metallschicht überzogen. Die Malereien sind von grosser Lebendigkeit und Ausdruckskraft. Sie erscheinen als freie Pinselzeichnung, ausgespart vor lüsterfarbenem Grund. Ihr Thema – die Falkenjagd – spiegelt das Leben am fatimidischen Hof wider. | Ägypten, 10.–11. Jahrhundert, Irdenware, Lüsterbemalung, Dm. 24 cm, Inv. Nr. 3.101.68

Falknerstoff

Der Seidenstoff zeigt ein Muster aus grossen Achteckfeldern, in denen Reiter mit Falken zu seiten eines Rankenbaumes erscheinen. Die Darstellung zeichnet sich durch grossen ornamentalen Reichtum und Feinheit der Linienführung aus. Barttracht und Lockenfrisur der Reiter, der Schnitt ihrer Roben, die reich verzierten Stulpenstiefel sowie Satteldecke, Zaumzeug und Schmuck der Pferde sind mit grosser Freude am Detail wiedergegeben. | Iran, 11. Jahrhundert, Seidengewebe (Doppelgewebe, lanciert), H. 152 cm, B. 117 cm, Inv. Nr. 1143

Greifenstoff

Neben Byzanz und dem Orient war das islamische Spanien ein wichtiges Zentrum der mittelalterlichen Seidenweberei. In Almería, Granada und Córdoba entstanden Luxusstoffe, die auch im christlichen Teil Spaniens hoch geschätzt waren. Der Greifenstoff stammt aus dem Schrein der heiligen Librada in Sigüenza. Die Reliquien der Heiligen wurden zwischen 1147 und 1157 aus dem islamischen in den christlichen Teil Spaniens überführt. Der Greifenstoff gehörte zu den kostbaren Geweben, die dabei zur Umhüllung der Reliquien verwendet wurden. | Spanien, 1. Hälfte 12. Jahrhundert, Seidengewebe (Lampas), H. 137 cm, B. 59 cm, Inv. Nr. 2656/2660

Zwei Marien einer Kreuzigungsgruppe

Im Hochmittelalter war Limoges ein blühendes Zentrum zur Herstellung von kirchlichem Gebrauchsgerät mit emailliertem Dekor. Neben kleinformatigen Gegenständen wurden dort auch monumentale Reliquienschreine und Altarverkleidungen angefertigt. Das Relief der beiden trauernden Frauen gehörte einst zu einer Kreuzigungsszene, die neben den Marien auch Johannes unter dem Kreuz umfasste. Vermutlich war sie Teil einer Bilderfolge der Passion Christi, die auf einem Schrein oder Altarvorsatz mit Emailschmuck angebracht war. | Limoges, 1240–1250, Kupfer, getrieben, vergoldet, H. 24,1 cm, Inv. Nr. 8.59.63

Mitra aus Salzburg

Die Mitra ist ein bischöfliches Amtsinsigne, das auch Äbten zu tragen gestattet ist. Die Äbte der Salzburger Erzabtei St. Peter erhielten dieses Privileg 1231. Bei der Herstellung der Mitra scheint man gezielt auf bereits als alt und ehrwürdig geltende Textilien zurückgegriffen zu haben. Dies gilt sowohl für das weisse Hauptgewebe und zwei Sorten sehr feiner Goldborten, insbesondere aber für die Behänge aus einem starkfarbig gemusterten Brettchengewebe, das zentralasiatischen Ursprungs ist. | Salzburg, um 1231, Seide, Goldfäden, Silberperlen, H. 77 cm, Inv. Nr. 233

Krone der Hildegard von Bingen

Die Krone besteht aus weissen Seidenbändern mit gestickten Medaillons. Diese zeigen ein Lamm Gottes, zwei Engel, einen König und auf dem Scheitel ein Sinnbild der Dreifaltigkeit. Genau solche Bilder haben auch die Kopfbedeckungen, die Hildegard von Bingen in ihren Schriften als Schmuck der Jungfrauen beschreibt. Sie wurden über dem Schleier getragen. Die hier gezeigte Nonnenkrone ist die einzige erhaltene des Mittelalters. Sie ist einer jüngeren blauen Samthaube aufgesetzt. Damit konnte das textile Krönchen, das als Reliquie der hl. Hildegard von Bingen betrachtet wurde, den Gläubigen zur Verehrung gezeigt werden. | Bortenkrone: Kloster Rupertsberg, 1170er Jahre; blaue Samthaube: Trier, frühes 17. Jahrhundert, Seidenbänder, Goldborten, Stickerei mit Gold-, Silber- und Seidenfäden, H. 17 cm, Inv. Nr. 5257